Alle Bilder sind verlinkt. Du findest eine OSM-Karte mit der Route, Infos zum Radleressen bei Ramona und Karl-Heinz am 2. Oktober sowie zum Reifungsprozess der Mitfahrer.

Vier-Länder-Tour gegen westliche Winde

1. TagDonnerstag, 2.Juli
StreckeMünster – Berlin-Spandau – Ketzin – Brandenburg – Plaue
Wetterangenehmes Radlerwetter mit kräftigem Westwind
Tourdaten78 km, 350 Hm
ÜbernachtungGästehaus Schloss Plaue, Schlossstraße 27a · 14774 Brandenburg an der Havel / Plaue, Tel.: 03381 3662362
https://www.schlossplaue.de/gaestehaus.php
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In diesem Jahr haben wir einen Lückenschluss von Berlin nach Hannover geplant. Leider kann Christian nicht teilnehmen (Auch wenn er einer der Tempomacher ist, wird sich die Hoffnung auf eine gemächlichere Tour nicht erfüllen). Sehr früh am Morgen starten wir um 6:24 Uhr in Münster mit dem ICE nach Berlin. Die Fahrkarten sind seit Monaten gekauft. Wir kommen tatsächlich pünktlich in Berlin-Spandau an. Schon vor 10 Uhr sitzen wir auf unseren Rädern.

Spandau war jahrhundertelang bedeutender als Berlin und wurde 1920 eingemeindet. Der Bezirk hat sich bis heute eine starke eigene Identität bewahrt. Viele Spandauer sagen scherzhaft: „Ich fahre nach Berlin“, wenn sie in die Innenstadt fahren.

Wir starten in südöstlicher Richtung, vorbei an den Rieselfeldern Karolinenhöhe, die heute ein Naherholungsgebiet sind. In Groß-Glienicke verlassen wir Berlin. Der Ort gehört schon zu Potsdam und damit zum Land Brandenburg. Wenig später in Krampnitz durchqueren wir das riesige Gelände der ehemaligen Kaserne Krampnitz. Von den Nazis gegründet, wurde sie nach dem 2. Weltkrieg bis 1991 von der sowjetischen Armee genutzt. Nach 1991 wurde sie zu einem der bekanntesten „Lost Places“ in Brandenburg. Mittlerweile findet ein Umbau zu einem neuen Stadtquartier mit fast 5000 Wohnungen statt.

Pause in Marqueárdt auf dem Apfelhof

Vor Marquardt machen wir unsere erste Pause an der Obstscheune, einem beliebten Ausflugsziel mit vielfältigen Selbsterntemöglichkeiten. Wir genießen Apfelsaft und Schmalzstullen. In Ketzin erreichen wir die Havel. Die Fähre „Charlotte“, die uns auf die andere Seite bringen soll, macht gerade Mittagspause. Der schließen wir uns an für einen Suppen-Imbiss im Restaurant „An der Fähre“. Das Lokal ist überraschend gut besucht und die Suppen schmecken.

Ab jetzt bis Brandenburg führt uns ein gut ausgebauter Radweg häufig auf dem Deich die Havel entlang. Viel Natur, viel Wind und viele Seen kennzeichnen den Weg. Zu Beginn am Trebelsee müssen wir ein riesiges Deponiegelände umfahren. Die Bauschuttdeponie Deetz hat seit den 70er Jahren Schutt aus Berlin und Potsdam aufgenommen, der wegen der Lage an der Havel per Schiff dorthin transportiert werden konnte. Heute ist sie weitgehend stillgelegt.

Am frühen Nachmittag sind wir in Brandenburg. Ein selbsternannter Stadtführer berichtet uns einiges über die Stadt. Sie blickt auf eine über 1000jährige Geschichte zurück und ist damit viel älter als Berlin. Die Stadt ist stark durch Wasser geprägt und hat etwa 75.000 Einwohner. Wir durchfahren die Stadt vollständig von Ost nach West. Unter der Jahrtausendbrücke finden wir ein Eiscafé für die nächste Pause. Die Brücke erhielt ihren Namen, als der Brückenneubau im Jahr 1929 anlässlich der 1000-Jahr-Feier der Stadt eingeweiht wurde. Es herrscht reger Bootsverkehr auf der Brandenburger Niederhavel, wie die Havel hier heißt.

Wenig später verlassen wir die Stadt entlang des Silokanals. Es sind jetzt noch etwa 10 Kilometer bis Plaue, wo wir unser Quartier für die Nacht gefunden haben. Über die alte Plauer Brücke, die mittlerweile für den motorisierten Verkehr gesperrt ist, erreichen wir das Gästehaus des Schlosses Plaue, das uns mit geräumigen Zimmern und einem lauschigen Biergarten direkt über der Havel empfängt. Den Tag beschließen wir mit einem kleinen Spaziergang durch Plaue und einem Abendessen in der Villa Lindenhof beim Griechen, wo zwei von uns ihre erste gebratene Forelle völlig ohne Gräten essen. Der Fischhändler meines Vertrauens erklärt mir später in Münster, dass es sich dabei nur um industriell vorbereitete TK-Fische handeln kann. Geschmeckt haben sie trotzdem.

Das Schloss Plaue blickt auf eine wechselvolle 800jährige Geschichte zurück. Nach dem mittelalterlichen Ursprung als Wehrburg wurde es im 18. Jahrhundert als barockes Schloss umgestaltet. nach 1945 wurde es zunächst von der roten Armee geplündert und diente in der DDR für einige Jahre Erholungsheim, Verwaltungsschule und Dolmetscherschule. Mittlerweile ist das Schloss im privaten Besitz. Die Wiederherrichtung der gesamten Schlossanlage steht allerdings noch aus.

2. TagFreitag 3. Juli
StreckePlaue – Genthin – Burg – Barleben
Wettermorgens etwas Regen, danach perfekter Sonne-Wolken-Mix
Tourdaten78 km, 240 Hm
ÜbernachtungB&B Hotel Barleben, Lindenallee 16, 39179 Barleben, 039203 51993100
https://www.bbbhotels.de, 306 €
neue Radwege

Der Tag beginnt mit einem Frühstück draußen im Biergarten. Pünktlich um 9 Uhr starten wir. Schon wenige Kilometer hinter Plaue stoßen wir auf den Elbe-Havel-Kanal. Den werden wir jetzt bis hinter Burg begleiten. Wieder einige Kilometer weiter wechseln wir von Land Brandenburg nach Sachsen-Anhalt. Wir fahren jetzt durchs Jerichower Land. Es wird die einsamste Etappe der diesjährigen Tour. Der erste nennenswerte Ort, den wir durchfahren, ist Genthin. Hier gibt es auch die erste Pause, leider nur an einem Lebensmittel-Markt.

Weiter geht die Kanalfahrt. Der kräftige Westwind ärgert ordentlich. Trotzdem fahren wir mehr als 30 Kilometer bis zur nächsten Pause in Burg in einem Eiscafé.

Burg ist die Kreisstadt des Jerichower Landes mit etwa 22.000 Einwohnern. Aufgrund der vielen historischen Türme wird sie oft als „Stadt der Türme“ bezeichnet. Wahrzeichen der Stadt ist die Kirche „St. Nicolai“, die größte romanische Granitbasilika östlich der Elbe. Die über 1000 Jahre alte Stadt besitzt eine historische Oberstadt mit gut erhaltenen Bauwerken wie dem Berliner Torturm und dem Hexenturm, verwinkelten Gassen und Fachwerkbauten. 



Wir verlassen Burg, bleiben aber am Elbe-Havel-Kanal. Es wird jetzt waldreicher. Nach etwa zehn Kilometern passieren wir die Doppelsparschleuse Hohenwarthe. Sparschleuse heißt sie deshalb, weil sie durch seitliche Sparbecken einen Teil des abgelassenen Wassers wiederverwerten kann. Die Schleusenanlage bildet das östliche Ende der Mittellandkanals. Die Schiffe werden hier 18,5 m in den tiefer liegenden Elbe-Havel-Kanal geschleust. Sie wurde 2003, zusammen mit der Kanalbrücke Magdeburg, eröffnet. Ab hier fahren wir also am Mittellandkanal, der längsten künstlichen Wasserstraße in Deutschland. Schon zwei Kilometer später stehen wir vor der imposanten Kanalbrücke über die Elbe.

Die Kanalbrücke Magdeburg ist das Herzstück des Wasserstraßenkreuzes Magdeburg. Sie führt den Mittellandkanal in rund 918 Metern Länge über die Elbe und ist damit die größte Kanalbrücke der Welt. Sie wurde 2003 nach einer Bauzeit von fünf Jahren eröffnet. Nach Planung in den 1920er Jahren war im Jahr 1934 schon einmal mit dem Bau einer Kanalbrücke begonnen worden. Der Bau musste aber kriegsbedingt eingestellt werden. Die bereits fertig gestellten massiven Pfeiler mussten beim zweiten Anlauf aufwändig abgebrochen werden. Der Trog ist 32 Meter breit und 4,25 Meter tief und er erlaubt Elbeschiffen eine Durchfahrtshöhe von 6,50 Metern auf einer Breite vom 90 Metern.

Um dieses ingenieurtechnische Wunderwerk bestaunen zu können, hatten wir zwischenzeitlich unsere Route umgeplant. Dadurch besteht nicht mehr die Notwendigkeit, nach Magdeburg zu fahren. Nach einigen Online-Recherchen finden wir ein Hotel nördlich von Magdeburg in Barleben. Unser B&B Hotel (eins von fast 900 Hotels weltweit) liegt am Ortsrand und hat kein Restaurant. Das Pizza Haus Barleben liegt aber in der Nähe. Seine Steinofenpizza können wir draußen auf der Terrasse genießen.

3. Tag Samstag, 4. Juli
Strecke Barleben – Helmstedt – Königslutter am Elm – Wolfenbüttel
Wetter kühl, häufiger leichter Regen, starker Gegenwind
Tourdaten 90 km, 640 Hm
Übernachtung Landhaus Dürkop, Alter Weg 47, 38302 Wolfenbüttel, 05331 7053, www.landhaus-duerkop.de, 407 €

Beim Verlassen von Barleben fahren wir am Technologiepark Ostfalen vorbei. Als Westfalen irritiert uns der Name zunächst. Wir lernen jedoch, das dieser Name auf die mittelalterliche Gliederung des Stammesherzogtums Sachsen zurückgeht mit Westfalen, Engern als mittlerem Teil und Ostfalen. Etappenziel heute soll Königslutter am Elm sein. Die Landschaft hat sich gegenüber gestern stark geändert. Viele Dörfer reihen sich aneinander. Weite Blicke gehen ins offene Land. Der Boden macht einen ertragreichen Eindruck. Kurz, wir fahren durch die Magdeburger Börde, die als eine der besten Ackerbauregionen Europas gilt. Vor allem der sogenannte Schwarzerde Boden ist hier verbreitet. Der macht eine intensive Landwirtschaft möglich (Zuckerrüben, Weizen, Gerste, Raps).

In Nordgermersleben, bei einer kurzen Rast, stellen wir fest, dass wir uns am Anfang des Ferkeltaxen-Radweges befinden. Er ist gerade auf einer ehemaligen Bahnstrecke gebaut und wir dürfen ihm 5 Kilometer lang folgen. Der Name nimmt Bezug auf die früheren rundlichen und oft rot lackierten DDR-Schienenbusse, die hier fuhren und im Volksmund Ferkeltaxe genannt wurden. Der Radweg ist vorbildlich begrünt an beiden Seiten. Nach etwa zwei Kilometern überqueren wir die Elbe-Weser-Wasserscheide. Ab sofort fließt alles Wasser gen Weser.

Uns sind schon seit einiger Zeit die Ortsnamen aufgefallen. Sehr viele haben „..leben“ als Endung. Allein zwischen Barleben und Helmstedt durchfahren wir zwölf derartige Orte. Das geht wohl auf eine alte sächsisch-germanische Namensbildung zurück, wobei das nichts mit dem heutigen Wort „Leben“ zu tun hat. Es stammt vermutlich aus dem Altsächsischen bzw. Niederdeutschen „leba“ / „leiba“ und bedeutet etwa „Erbe“ oder „Besitz“. Ein Ortsname mit dieser Endung bezeichnete ursprünglich also den Besitz oder das Land einer Person.

Wie schon erwähnt müssen wir den wunderbaren Radweg schon bald wieder verlassen. In Erxleben passieren wir eine mächtige Schlossanlage – das Schloss Erxleben. Aus einer mittelalterlichen Burganlage entstanden, befand es sich seit 1282 im Besitz der Familie von Alvensleben, bevor es 1949 im Zuge der DDR-Bodenreform enteignet wurde.

Kurz vor Helmstedt erreichen wir die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn an der Autobahn A2. Der Grenzübergang Helmstedt/Marienborn war der größte und bedeutendste Grenzübergang an der innerdeutschen Grenze während der deutschen Teilung und bestand aus dem „Kontrollpunkt Helmstedt“ in der westdeutschen Kreisstadt Helmstedt und der „Grenzübergangsstelle Marienborn“ (GÜSt) in der ostdeutschen Gemeinde Marienborn. Millionen von Transitreisenden haben hier mit unguten Gefühlen Schlange gestanden.

Mittlerweile regnet es wieder und wir suchen ein Café, finden aber auf dem Gelände keines. So beschließen wir, bis Helmstedt weiterzufahren. Der Weg dorthin wird abenteuerlich. Es scheint ein alter DDR-Grenzweg im Urzustand zu sein. Wir trauen uns wegen riesiger Pfützen zunächst nicht, durch den Wald auf Helmstedter Gebiet abzubiegen. Beim Versuch der Umfahrung müssen wir allerdings feststellen, dass das kilometerlange Umwege bedeuten würde. Also zurück und zum Glück finden wir einen trockenen Durchschlupf. Der ist nur sehr kurz und endet an der Magdeburger Warte, einem von drei mittelalterlichen Wehrtürmen der Helmstedter Landwehr. Er ist im 19. Jahrhundert auf noch bestehenden Bauresten mit den alten Steinen zu einer Höhe von etwa 10 Meter wiederaufgebaut worden.

In Helmstedts Zentrum können wir endlich eine „richtige“ Pause im Eiscafé Venezia machen. Es ist mittlerweile mal wieder trocken, so dass wir draußen sitzen können. Die Magdeburger Börde liegt hinter uns. Wir befinden uns jetzt im Ostbraunschweigischen Hügelland mit dem Elm als höchsten und prägendsten Höhenzug. Unser nächstes Ziel ist Königslutter am Elm, wo wir gegen 14 Uhr ankommen. Uns ist klar, dass wir unsere heutige Tourplanung erweitern müssen. Nach einigem Hin und Her sind wir uns einig, noch bis Wolfenbüttel weiterzufahren. Von diesem schönen Fachwerkstädtchen sehen wir uns nur den Kaiserdom an. Aber der ist außergewöhnlich.

Der Kaiserdom von Königslutter – offiziell die Stiftskirche St. Peter und Paul – wurde 1135 von Kaiser Lothar III. als Benediktiner-Abteikirche und Grablege für sich und seine Familie gestiftet. Die Fertigstellung des romanischen Bauwerkes erfolgte – nach Lothars Tod und dem Übergang des Kaisertums an die Staufer – um 1170 unter Heinrich dem Löwen. Der Dom zählt zu den wichtigsten Kulturdenkmälern der Romanik in Deutschland und war das erste Großgewölbe nördlich des Harzes. Er ist von der Bedeutung her dem salischen Kaiserdom zu Speyer gleichzusetzen.

Nach einem ausgiebigen Erkunden des Domes und des benachbarten Dom Cafés starten wir zur letzten Teiletappe nach Wolfenbüttel. Hier haben wir im Laufe des Tages im Landhaus Dürkop drei Doppelzimmer gebucht. Der Senior des Hauses empfängt uns wortreich und ausschweifend. Wieder müssen wir uns ein Lokal fürs Abendessen suchen. Das finden wir mit dem Restaurant Rhodos.

4. TagSonntag, 5. Juli
StreckeWolfenbüttel – Salzgitter – Hildesheim – Elze
WetterStart im Regen, hinter Salzgitter wird es schon mal sonnig
Tourdaten70 km, 470 Hm
ÜbernachtungHotel Cappuccino, Hauptstr. 1, 31008 Elze, https://https://hotelcappuccino.de/, 336 €

Nach einem guten Frühstück beginnen wir den Tag mit einen kurzen Stadtrundfahrt in Wolfenbüttels Altstadt.

Zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten gehört das Schloss, das Jahrhunderte lang Residenz der Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel war. Die Herzog August Bibliothek aus dem 17. Jahrhundert zählt zu den weltweit bedeutendsten historischen Bibliotheken. Die Altstadt hat viele Fachwerkhäuser aus dem 16. bis 18. Jahrhundert zu bieten und ist eine der schönsten Norddeutschlands. Der Schriftsteller und Aufklärer Lessing lebte und wirkte hier als Bibliothekar. Bekannt ist die Stadt auch durch den Kräuterlikör Jägermeister, der hier produziert wird.

Die Fahrt bis Salzgitter ist unspektakulär. Es regnet immer wieder. Von Salzgitter bleiben viele rote Ampeln in Erinnerung. kaum haben wir die Stadt durchfahren, kommt auch schon mal die Sonne zum Vorschein. Wir haben jetzt wieder weite Blicke in die Landschaft. In Grasdorf erreichen wir das Tal der Innerste. Hier kann endlich Peters Pausenwunsch erfüllt werden. Obwohl es Sonntagmittag ist, haben die Kutscherstuben mitten im Ort geöffnet. Draußen auf der Terrasse können wir endlich unsere Suppen genießen. dabei haben wir Glück. Am nächsten Tag wird die Wirtsfamilie in den Urlaub fahren.

Salzgitter mit 110.000 Einwohnern ist eine ungewöhnliche Großstadt mit 31 Stadtteilen, die bis heute ihre eigene Identität bewahrt haben. Es ist eine sehr junge Stadt. Sie wurde 1942 von den Nazis gegründet. Anlass war der Aufbau der damaligen Reichswerke „Hermann Göring“, die die Eisenerzvorkommen der Region für die Stahlproduktion nutzen sollten. Die heutige Salzgitter AG gehört heute zu den größten Stahl- und Technologiekonzernen in Europa mit 25.000 Mitarbeitern. Zur Zeit wird eine künftigen Grünstahl-Produktion (CO₂-arm) vorbereitet. Einwohnermäßiges Zentrum ist Salzgitter-Lebenstedt. Die meisten Stadtteile haben ihren dörflichen Charakter behalten. Allein Salzgitter-Bad sticht mit seiner historischen Fachwerk-Altstadt hervor.

Bis Hildesheim bleiben wir im Innerste-Tal. Kurz hinter Grasdorf beim Schloss Derneburg, das heute ein Kunstmuseum ist, ist noch einmal eine überdachte Pause wegen eines heftigen Regenschauers nötig. Fast die gesamte Strecke können wir den gut ausgebauten Radweg entlang der B6 nutzen und entgehen so steileren Abschnitten.

Das Schloss Derneburg geht auf ein 1213 gegründetes Augustiner-Chorfrauenstift und späteres Kloster der Zisterzienser zurück, das in der Mitte des 19. Jahrhunderts von Georg Herbert Graf zu Münster in ein Schloss im englisch-gotischen Tudorstil umgestaltet wurde. Heute ist die gesamte Anlage im Besitz von Andrew Hall und Christine Hall, die mit der Hall Art Foundation auf Schloss Derneburg eine Kollektion zeitgenössischer Kunst zeigen.

Bis zum Stadtrand von Hildesheim bleibt uns die B6 erhalten. Nach einigem Suchen finden wir zum historischen Markt in der Altstadt. Von hier ist es nicht mehr weit bis zum Mariendom. Karl-Heinz will dort unbedingt den berühmten Tausendjährigen Rosenstock (eine zartrosa Hundsrose, Rosa canina) sehen. Wir umrunden den Dom, finden aber keine Rose, bis uns ein Besucher aufklärt, dass wir den innenliegenden Friedhof aufsuchen müssen. Hier wächst die Rose am Chor der Domkirche.

Der Hildesheimer Mariendom wurde ursprünglich im 11. Jahrhundert erbaut und mehrfach erweitert. Er gehört zu den bedeutendsten Bauwerken der Vorromanik in Niedersachsen und ist eine der ältesten Bischofskirchen in Deutschland. Seit 1985 gehört er zum UNESCO-Weltkulturerbe. Er birgt eine Vielzahl von herausragenden Kunstschätzen, wie die Bernwardtür, die Christussäule oder dem Domschatz. Sowohl die Bernwardtür als aus die Christussäule sind Bronzegusse aus dem frühen 11. Jahrhundert. Eine besondere Bedeutung für die Hildesheimer hat die 1000jährigen Rose, besonders nach dem „Rosenwunder“ von 1945. Da wurde der Dom bei einem Bombenangriff fast vollständig zerstört. Auch der Rosenstock verbrannte scheinbar vollständig. Aber bereits nach etwa acht Wochen trieben aus den unter den Trümmern erhaltenen Wurzeln 25 neue Triebe aus. Seitdem ist die Rose ein Symbol für Hoffnung, Auferstehung und Neuanfang und ist ein Wahrzeichen der Stadt. In Hildesheim gilt der Spruch: „Solange der Rosenstock blüht, wird Hildesheim bestehen.“

Hildesheim ist eine der ältesten Städte Norddeutschlands. Sie wurde bereits 815 gegründet. Im Mittelalter war Hildesheim eine wohlhabende Handelsstadt. Der historische Marktplatz gilt als einer der schönsten Deutschlands. Besonders bekannt sind dort das Knochenhaueramtshaus (von 1529), das gotische Rathaus (von 1329) und das gotische Tempelhaus (von 1350). Neben dem Dom ist auch die Michaeliskirche Weltkulturerbe. Sie gilt mit ihrem monumentalen Deckenbild aus dem 13. Jahrhundert, das den Stammbaum Christi zeigt, als eine der schönsten frühromanischen Kirchen Deutschlands.

Kanu
Bischofs-mühle

Nach dem Dombesuch kehren wir zum Marktplatz zurück. Am Bäckeramtshaus neben dem Knochenhauseramtshaus machen wir Rast. Leider wird das Lokal seinem Namen nicht mehr gerecht. Da gibt es nichts Gebackenes außer Pizza. Immerhin bekommen wir unseren Kaffee. Es ist noch relativ früh am Nachmittag. So reift der Gedanke, noch ein wenig weiterzufahren. Wir entscheiden uns für das noch 30 Kilometer entfernte Elze, wo Felix auch bald ein Hotel für die Nacht findet. Während wir unsere Planung abschließen, ist Karl unterwegs zur Wildwasserstrecke Bischofsmühle an der Innerste, gar nicht weit von hier.

Wir machen uns auf den Weg. Wieder begeistert uns die Weite der Landschaft. In Nordstemmen kommen wir am neugotischen Schloss Marienburg vorbei, das majestätisch am Hang des Marienberges thront und ehemals eine Sommerresidenz der Könige von Hannover war. Fünf Minuten vor dem Ziel in Elze erwischt uns noch einmal ein heftiger Regenschauer, den wir unter Bäumen überstehen. Unser Hotel Cappuccino wird von einem netten Italiener geführt, der uns sehr freundlich mit einem Freibier empfängt. Essen können wir am Abend in der Brasserie schräg gegenüber

5. TagMontag, 6. Juli
StreckeElze – Hameln
Wetterkühl
Tourdaten30 km, 210 Hm
Übernachtung

Heute morgen ist wieder lange Zeit die B1 unser Begleiter. Als wir die Bundesstraße bei Coppenbrügge verlassen, werden wir auch gleich mit einem kurzen aber heftigen Anstieg bestraft. Hier bei Coppenbrügge endet – aus südöstlicher Richtung kommend – der Höhenzug Ith. Einer seiner Ausläufer quält uns. Danach aber geht fast nur noch gemächlich bergab bis Hameln. Felix besorgt uns Nahverkehrs-Fahrkarten nach Münster. Mit Umstieg in Paderborn sind wir um 15 Uhr zurück in Münster. Es war eine abwechslungsreiche Tour. Leider war der Wind mehr oder wenig heftig gegen uns. Trotzdem blieb die Stimmung gut wie immer.